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Winfried Fechner

im Gespräch mit Ulrich Schmied

Ich war immer schon klein und schmächtig. Als 15 - 17 Jähriger hab ich mir so gedacht: „Wenn ich Schmied werde, vielleicht werde ich dann stark.” Aber ein Schmied muss zäh sein, und wir verstehen uns eher als Zauberer. Ein Zauberer muss nicht groß und stark sein. Wir zaubern mit unseren Händen und formen den Stahl mittels Hammer.

Und als Schmied hat man ja auch eine Sonderstellung.

Es gibt einen sehr schönen Spruch: „Alle Menschen müssen sterben, nur die schwarzen Schmiede nicht. Denn sie sind aus Stahl und Eisen, und diese mag der Teufel nicht” - da ist was dran. Vielleicht ist das ein Aberglaube, der aus der alten Tradition oder aus den alten Mythologien überliefert worden ist: der Schmied als Menschenheiler, er heilt auch Tiere, war schlagkräftig, beherrschte Zauberkünste. Das ist vielleicht die Ausstrahlung, die wir zum Teil heute noch haben. Wir behüten auch heute noch das Feuer und sind Herrscher über die Materie, das Wasser und die Erze.

us-fechner.jpgSo ist es dazu gekommen, dass ich Schmied geworden bin. Man fängt damit an, und wenn man es verinnerlicht hat, ist es schwierig, sich davon zu lösen.

Ich gebe meinen Skulpturen Titel. Der „Fruchtcocktail” zum Beispiel heißt so, weil er bunt angemalt ist. Lange Zeit war die Skulptur rostig. Irgendwann habe ich mich entschlossen, sie anzumalen. So ist der Titel entstanden. Es gibt Skulpturen, die haben in der Entstehungsphase keinen Titel, der kommt dann ganz spontan. Zum Beispiel der „kleine, fliegenfangende König”, das ist ein Titel, den man eigentlich nicht erfinden kann. Folgendes ist passiert: auf die Zunge, die lang aus dem Kopf heraushängt, setzte sich einmal eine Fliege - und der Titel war da. Ich liebe es, die Sachen so zu vereinfachen, dass sie jeder erkennt. Titel und Skulpturen können eine schöne Symbiose ergeben. Der Farbton spielt immer eine Rolle und macht eine Skulptur mit aus. Der „Große Fuchs” beispielsweise muss rostig bleiben, das erzeugt eine ganz eigene Poesie.

Überhaupt Rost, er kann ganz wunderschöne Farben hervorbringen. Die Stellen des Stahls, die länger im Feuer waren oder länger bearbeitet worden sind, die rosten nicht so schnell wie Teile, die nicht im Feuer waren. Das ergibt ein wunderschönes Farbenspiel.

Farbe setz ich oft bei Sachen ein, die sich bewegen, um ein wenig das Verspielte hervorzuheben. Die Farbe entsteht erst in einem späteren Prozess, denn beim Entwurf oder in der Zeichnung habe ich erst einmal die Form oder die Gestalt der Skulptur in Eisen vor mir. Ich zeichne sehr viel, hab bestimmt 5 - 6000 Skizzen, und es kommen immer noch welche hinzu. Es ist für mich ganz normal, abends einen Block vor mir zu haben und zu „kritzeln”, Ideen aus mir herauszulassen.

Viele Ideen werde ich umsetzen, aber manche...

schaf-fechner.jpgEs wäre zum Beispiel schön, wenn jeder einen Wächter hätte, der einfach aufpasst, dass man nicht „durchknallt”. Das geht ganz schnell heutzutage. Wenn dann jemand dasteht und sagt: „Jetzt pass mal auf, nimm das nicht so wichtig, sieh das nicht so eng, lös das alles spielerisch”, - wenn also jemand einen Schatten oder einen Wächter neben sich hätte, dann wäre es sicherlich oft einfacher, und es würde nicht so viel Mist auf dieser Welt passieren.

Wenn man das umsetzen könnte, hätte man als Künstler vielleicht die Funktion eines Zauberers. Ich kann das nicht, ich kann nur kleine Gedankenanstöße geben und die Welt vielleicht wieder ein wenig zauberhafter machen. Das ist vielleicht ein Ansatz oder der einzige Ansatz überhaupt, den „Kunst” wieder haben sollte. Für mich ist es viel schöner, zu dem wirklich Ursprünglichen in der Kunst zurückzukehren. Denn in erster Linie mache ich die Sachen für mich selber, und wenn ich für mich selber einen Zauberer damit schaffen kann, dann reicht es mir schon. Wenn es dann den Leuten auch noch gefällt, kann ich mit meiner Arbeit zufrieden sein.

Winfried Fechner