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MetallDesign-Jahrbuch 2018

Hephaistos Verlag

über Ulrich Schmied,
Ottersberg, Deutschland

Der Name ist Programm: Ulrich Schmied ist Schmied. Eisenbildhauer, Skulpturenvater, Metallkünstler. Längst lässt sein Name in der Schmiedefamilie wie in der Kunstszene aufhorchen. Das mag unter anderem an seiner Vielseitigkeit liegen. Ulrich Schmied belässt es nicht bei seiner Schmiedekunst, sondern greift als Maler auch zu Pinsel und Palette und schreibt Kurzgeschichten zu seinen Arbeiten.

Der gebürtige Niedersachse hat sich mit fast allen Künstlern, die Eisen geschmiedet und Stahl geformt haben, auseinandergesetzt, im Besonderen mit den Arbeiten von David Smith (ein in Europa nahezu unbekannter, in Amerika aber berühmter Eisenbildhauer des 20. Jahrhunderts), Oskar Wiggli, Alf Lechner, Eduardo Chillida und Rudolf Hoflehner. „Ich hoffe jedoch, meine eigene Handschrift gefunden zu haben und werde weiter daran arbeiten“, beschreibt der Metallkünstler sich selbst. Unter anderem war Alfred Habermann, der „Schmiedepapst“, sein Lehrmeister bei einer Weiterbildung als Schmied in der Denkmalpflege in Venedig, für die der junge Schmied 1990 ein Stipendium erhalten hatte.

Im Jahr 2017 haben er und seine Frau Claudia ihr neues Domizil bezogen: Der Eschelshoff ist ein alter Hof aus dem Jahre 1648 mit imposanten Reetdachhaus und weitläufigem Garten. Das Haus gleicht einem Freilichtmuseum. Neben der Werkstatt von Ulrich Schmied betreibt das Paar dort ein kleines Hofcafe. Die beiden legen den Schwerpunkt auf zeitgenössische Kunst und beziehen andere Kunstschaffende darin ein: Vernissagen in der neuen Galerie, Konzerte, Lesungen und Kurse bringen künstlerisches Leben und stets neue Inspiration auf den Hof. Den bestehenden, 2500 Quadratmeter umfassende Kräutergarten mit über 300 verschiedenen Pflanzen nutzt Ulrich Schmied heute auch als Skulpturengarten.

Seinen Skulpturen gibt Ulrich Schmied Namen. Der „Fruchtcocktail” zum Beispiel heißt so, weil er bunt angemalt ist. Lange Zeit war die Skulptur rostig. Irgendwann hat er sich entschlossen, sie anzumalen. So ist der Titel entstanden. Es gibt Skulpturen, die haben in der Entstehungsphase keinen Titel, der kommt dann ganz spontan. Zum Beispiel der „kleine, fliegenfangende König”, das ist ein Titel, den man eigentlich nicht erfinden kann. Folgendes ist passiert: auf die Zunge, die lang aus dem Kopf heraushängt, setzte sich einmal eine Fliege – und der Titel war da. „Ich liebe es, die Sachen so zu vereinfachen, dass sie jeder erkennt“, sagt Ulrich Schmied. Titel und Skulpturen können eine schöne Symbiose ergeben. Der Farbton spielt immer eine Rolle und macht eine Skulptur mit aus. Der „Große Fuchs” beispielsweise muss rostig bleiben, das erzeugt eine ganz eigene Poesie.

Überhaupt Rost, der kann fantastische Farben hervorbringen: So mancher hat Probleme mit Arbeiten aus rostendem Material – demjenigen entgeht aber ein spannender Prozess. Die Stellen des Stahls, die länger im Feuer waren oder länger bearbeitet worden sind, rosten nicht so schnell wie Teile, die nicht im Feuer waren. Das ergibt ein eigentümliches Farbenspiel. Skulpturen, die im Freien stehen, zeigen sich stets im neuen Gewand, je nach Licht, dem Wetter, Sonne und Schatten. Der Rost bildet sich dann schneller als drinnen, das Eisen zeigt zunehmend Spuren von regelmäßigem Wasserablauf, Flechten und Moose überwuchern die metallischen Flächen. Über Jahre hinweg vollzieht sich eine Veränderung, die den regelmäßigen Beobachter staunen lässt.

Ulrich Schmied arbeitet aber auch mit Farbe: „Bei Sachen, die sich bewegen, um ein wenig das Verspielte hervorzuheben.“ Die Farbe entsteht erst in einem späteren Prozess, denn beim Entwurf oder in der Zeichnung hat der Künstler erst einmal die Form oder die Gestalt der Skulptur in Eisen vor sich. „Ich zeichne sehr viel, habe bestimmt fünf bis sechstausend Skizzen, und es kommen immer noch welche hinzu. Es ist für mich ganz normal, abends einen Block vor mir zu haben und zu ‚kritzeln‘, Ideen aus mir herauszulassen.“

In seiner Werkstatt werden Wächter („Jeder sollte einen Wächter haben, der aufpasst, dass man nicht durchknallt“), Windspiele, Klötze und Blöcke, Skulpturen und Landschaften aus Stahl geboren. Ulrich Schmied verbindet bearbeitete Fundstücke mit geometrisch orientierten Formen. So erobern verträumte und tanzende Stelen mal sinnlich, mal schwungvoll den Raum. Hingegen zerschneiden Winkel und Keile mit scharfen Spitzen die Luft. Ob als rostige, sich selbst erzählende Geschichte oder als hochpoliertes Glanzobjekt – Eisen hat viele Gesichter und Ulrich Schmied weiß, wie man sie sichtbar macht. Nur wer künstlerische Ideen mit handwerklichem Geschick verbindet, kann Stahl- und Eisenbildhauerei betreiben. Es kostet Schweiß und verursacht ohrenbetäubenden Lärm. Der Betrachter jedoch kann Ulrich Schmieds Eisenskulpturen genießen – in aller Stille.

Zitat: „Ich modelliere wie ein Bildhauer. Der Hammer ist dabei die Verlängerung meiner Hand.”