Startseite > Klötze + Blöcke

Klötze + Blöcke

Kunsthistorische Betrachtung der Skulpturengruppe "Klötze"
des Stahlbildhauers Ulrich Schmied
von der Kunsthistorikerin Dr. Britta Reimann

Bei Ulrich Schmied ist der Name Programm. Aus seinem Werk sprechen die Faszination des Materials, dem Stahl, und dessen Ausdruckspotential - die mannigfaltigen Möglichkeiten, die in seiner Bearbeitung und Erscheinung stecken. Eine grundsolide Ausbildung im Schmiedhandwerk ist unabdingliche Voraussetzung, um das Material so zu kontrollieren, dass die fertige Skulptur der ursprünglichen Idee entspricht: Die Vision wird durch die präzise Kalkulation des Materials, seiner Reaktion auf bewusst gelenkte Einwirkungen, in die Skulptur umgesetzt.

schmied.jpgDer ständige Umgang mit dem Material und die Erprobung seiner Möglichkeiten führten bei Schmied zu unterschiedlichen Werkserien. Den Höhepunkt bildet eine ganz außergewöhnliche Gruppe von bisher etwa 45 rein geschmiedeten Stahlskulpturen. Rohlinge in Form von Klötzen oder Zylindern werden durch gezielt eingesetzte Kräfte bewusst verformt, so dass man den Gestaltungsprozess in der endgültigen Skulptur nachvollziehen kann. Mit Hilfe eines 500-Kilo-Luftschmiedehammers in einer Großschmiede lassen sich Objekte von bis zu einem Zentner Gewicht gestalten. Bei nur 20 bis 30 cm Höhe stellen sie eine enorme Komprimierung von Masse dar. Schmied spricht hier von Skulptur, da sie - im Unterschied zur gegossenen oder modellierten Plastik - aus der Wirkung jedes einzelnen Schlages des Hammers oder anderen Werkzeugs resultiert. Die Bearbeitungsspuren sind zugleich Teil einer bewusst erzielten Oberflächenstruktur. Hier verbindet sich mit jedem Schlag Notwendiges mit Ästhetischem.

Die Gestaltgebung liegt ganz konzentriert in den Eigenschaften des Materials. Dessen Reaktion auf bestimmte Einflüsse - als bewusst hervorgerufene Verformung - ergibt die Skulptur. Sie stellt so eine Kulmination des Schmiedens dar, das vom "Wissen um die Dinge" (Schmied), um die Geheimnisse des Stahls, getragen wird.

Dieses bewusste Reduzieren einer Skulptur auf die Veranschaulichung eines Verformungsprozesses ist bisher einzigartig in der Bildhauerei. Lediglich im Werk von Eduardo Chillida (1924 - 2002) oder Oscar Wiggli (geb. 1927) finden sich Anklänge. Auch dort beobachtet man Tendenzen, die die ästhetischen Eigenschaften des Materials und das Bearbeitungsverfahren in das Erscheinungsbild der Skulptur einbeziehen. Der Eigenwert des Materials trat seit Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr in den Vordergrund und bestimmte das Erscheinungsbild der Skulptur. War bisher die Wiedergabe der Realität, der sich das Material unterordnet, absoluter Maßstab, so schwand diese allmählich zugunsten der eigenen Ästhetik der formalen Mittel. Anders ausgedrückt: Das Material befreite sich aus seiner der Naturwiedergabe dienenden Funktion. Der Herstellungsprozess und damit die persönliche Handschrift des Künstlers rückten visuell in den Vordergrund. Das Machen wurde ebenso wichtig wie das Gemachte. Dieses Machen führt Schmied bis zum äußersten Punkt weiter: In dieser Konsequenz und Ausschließlichkeit wurden die Eigenschaften des Materials und der Herstellungsprozess an sich bisher noch nie zum Bildthema erhoben.

Der Stahl erscheint trotz seiner Härte wie eine leicht formbare Masse vergleichbar Butter, Ton oder Wachs. Die Bewegung während seines Verformungsprozesses zeichnet sich als Potential an der Oberfläche des nun starren Materials ab: Pressungen, Kerbungen, Faltungen sowie jede Art von gelenktem Metallfluss sorgen für organische, aus der Materialbewegung hervorgehende Formen. Die Skulpturen stellen somit den erstarrten Gestaltwandel einstmals weicher, verformbarer Stahlmasse dar und erheben ihn als sichtbar gewordener Prozess zum Thema. Diese Formen der Veränderlichkeit bilden einen starken Kontrast zu der Erscheinung des mit seinem harten Glanz an Unnachgiebigkeit gemahnenden Metalls. Gleichzeitig erwecken sie Assoziationen an andere Strukturen wie Wasser, Fleisch- oder Pflanzenfasern. Die Stahloberfläche entfaltet sich als ein breites Spektrum an sinnlich, haptischer Oberfläche.

Schmieds Skulpturen genügen sich selbst. Ihre Erscheinung bestimmt das Thema als Sehangebot an den Betrachter, der frei ist, sich seine eigene Vorstellung zu machen. Sie verstehen sich somit als geschmiedete Aussage, die sich nicht auf die künstlerische Absicht reduziert. Der Künstler tritt mit seiner Interpretation bescheiden hinter sein Werk zurück.

Erhält eine der Skulpturen dennoch einen Titel, dann ist dieser sehr archaisch, ebenso komprimiert wie die Erscheinung selbst, und wird immer erst nachträglich assoziativ gefunden. Er weist auf einen sehr elementaren Gegenstand, der in der Form steckt und erweitert so das materielle Eigenleben der Strukturen um eine gegenständliche Dimension.

Schmetterling

schmetterling.jpgBei der "Schmetterling" genannten Skulptur ist die Ausgangsform, ein quer gelegter Klotz, noch zu ahnen. Seine Schwere und Massivität hat sich in der breiten Außenfläche erhalten. Dennoch scheint es, als würde sich der harte Stahl bewegen: Die symmetrisch in zwei "Flügeln" angelegte Komposition weist in der Mitte eine weiche Mulde sowohl in der Längsachse als auch in der Querachse auf, wie mit einem runden Gegenstand unter leichtem Druck erzeugt. Unter diesem Druck erhalten die Flügel eine Spannung, die sie entsprechend der Mulden leicht nach oben und nach innen ziehen. Die beiden Richtungen kulminieren in den Flügelspitzen und verhelfen diesen zu einem Eindruck größter Beweglichkeit, der sich letztendlich wieder auf die Flügel auswirkt. Hinzu kommt die Oberflächenstruktur: mehrere die Flügel längs durchziehende Einkerbungen in Form von Rillen, die den Schwung der Flügel weiter ausmodellieren. Diese Rillen brechen die Lichtreflexion kleinteilig auf und verursachen ein Vibrieren der Oberfläche, das die tatsächliche Schwere der Skulptur aufzuheben scheint, als ob sie dabei wäre, mit den Flügeln zu schlagen oder gar in der Lage wäre, zu fliegen. Obwohl alle Verformungen aus äußeren Einwirkungen resultieren, führen sie dazu, der Skulptur auch eine eigene, ihr innewohnende Bewegung zuzutrauen, wie das Flattern eines Schmetterlings.

Rotes Huhn

rotes_huhn.jpgBei einigen Skulpturen verdichtet sich die gegenständliche Anmutung. Sie rücken in die Nähe von Schmieds poetischen Figuren. Dabei handelt es sich um Fantasiegebilde, bei denen aneinander geschmiedete abstrakte und gegenständliche Formen aufeinanderprallen. Auch das "Rote Huhn" hat einen eher synthetischen Charakter, erscheint weniger als ein verformtes Stück, sondern aus mehreren Stücken zusammengesetzt. Ein dreieckiger Keil ist mit der Spitze von oben in einen Stahlklotz gerammt, zwei weitere kleinere Keile befinden sich wie Füße unter dem Klotz. Es handelt sich hierbei um in der Werkstatt zusammengesuchte Rest- oder Abfallstücke. Nur minimale Einbuchtungen zeugen von der Wucht, mit der die Keile in den Klotz eindrangen, so dass dessen geometrische Grundform nahezu unverändert beibehalten wird. Ein kleiner eckiger Vorstand des großen dreieckigen Keils - der so bereits an dem Abfallstück vorhanden war - deutet die Vorderseite der Skulptur an. Er ist, wie die gesamte Oberkante des Dreiecks, mit einem roten Anstrich versehen. Wie bei den poetischen Figuren finden sich hin und wieder einzelne, gezielt eingesetzte farbige Akzente, die der Hervorhebung markanter Formen dienen und somit zur Charakterisierung einer Figur beitragen. Hier wird der Teil eines Umrisses betont, der sowohl ein sich nach vorne streckendes Huhn auf einem Sockel oder den Kopf eines Huhnes bedeuten könnte, mit einem eckigen Rumpf und zwei dreieckigen Füßen.

Das Einschmieden verschiedener Stahlelemente wie Ringe, Klötze oder Keile wird jedoch primär zur Steigerung der Verformungsvarianten eingesetzt. Als kalte Materialien greifen die Elemente in die weicherhitzte, verformbare Stahlmasse ein und verbinden sich mit ihr unlösbar zur endgültigen Skulptur. Dabei bilden die glatten und starren Formen einen deutlichen Kontrast zu den Bewegungsspuren der auf das Einschmieden reagierenden Stahlmasse. Weiches und Hartes, Bewegliches und Starres treffen aufeinander.

Rundling

rundling.jpgDiese Skulptur besteht lediglich in der Reaktion eines Stahlzylinders auf einen mittig von oben eingeschmiedeten Ring. Es ist deutlich zu sehen, wie die ehemals weiche Stahlmasse diesem Druck nachgab: Der außerhalb des Rings liegende Teil wurde nach unten gepresst, so dass sich die Oberseite des Zylinders entlang der Außenwand des Rings steil nach innen zieht, während sich die Außenseite wulstartig nach außen wölbt. Dieser Kontrast an konkaver und konvexer Wölbung bricht am oberen Rand scharfgradig um. Der innerhalb des Rings liegende Teil des Zylinders hingegen wurde nach oben gepresst, über das Niveau des äußeren Teils hinaus, gerade so hoch, dass der scharfe Rand des Rings noch plastisch hervorsteht. Es entsteht so ein Gebilde konzentrischer Kreise unterschiedlicher Niveaus. Hier wurde mit gezieltem, sparsamem Arbeitsaufwand das Material selbst zum Arbeiten gebracht. Die Skulptur resultiert aus einer Fülle unterschiedlicher Materialbewegungen.

In den kleinen, komprimierten Skulpturen steckt Monumentalität, das Potential zur Vergrößerung. Die sichtbare Massivität der einfachen Formen strahlen eine innere Kraft und Erhabenheit aus, die ohne weiteres viel größer gedacht werden kann. In der Tat sind diese Skulpturen gleichzeitig Vorlagen für eine Umsetzung in größere Dimensionen. Schmied träumt von Großskulpturen von mindestens drei bis vier Metern Höhe. Dieser Aufwand war bisher noch nicht zu leisten, erfordert er doch eine weitaus umfangreichere Technik mit wesentlich größeren Öfen und Hämmern. So ist die Ausführung von vorläufig zwei bis drei Skulpturen in Blech geplant, bis das in der Geschichte der Skulptur einzigartige Unterfangen beginnen kann. Das große Abenteuer geschmiedeter Riesenskulpturen steht noch bevor: die eigene Handschrift Ulrich Schmieds in monumentaler Größe.

weiter zu: